Dippegucker

Dippegucker Restaurant und Wein-Lounge „Mühlstein“ in Bensheim Malerischer, von Fachwerkbauten umstandener Hof mit Naturstein-Pflaster leer Danke, sehr freundlich. Hier stimmt was nicht. Zum Wärmen sind die Wolldecken, welche den Gästen abends im Innenhof von den Bedienungen gereicht werden, in diesem Sommer allemal willkommen. Zum Wohlfühlen wären sie gar nicht nötig gewesen. Bildbeschriftung? Das Bensheimer Restaurant „Mühlstein“ am Eingang des Zeller Tals bietet nämlich nach seiner Neueröffnung eine Menge, um zumindest das Herz zu erwärmen. Keine Sache des Verstandes, denn einige Fragen bleiben ohne Antwort. Etwa die: Wem gebührt der Vorzug – dem malerischen, von Fachwerkbauten umstandenen Hof mit seinem Naturstein-Pflaster? Oder doch den einfallsreich gestalteten Innenräumen, unter denen das Sälchen im Obergeschoss noch einmal hervorsticht? Auf den dortigen Club-Sofas lässt es sich zwischen Fachwerk-Gebälk mit einem guten Tropfen eine Weile aushalten. Schließlich nennt die Betreiberfamilie Albracht

den deutlich französisch angehauchten „Mühlstein“ auch Wein-Lounge. Das ist gewiss nicht übertrieben. Unter anderem umfasst die stattliche Auswahl offener Weine einen samtig-feinherben Riesling vom Heppenheimer Steinkopf (0,2 Liter: 3,40 Euro). Die Probe aufs Exempel bei den Flaschenweinen besteht ein ungemein frischer trockener Rosé aus der Provence (Jahrgang 2003) mit Bravour – exzellent und mit 16 Euro nicht besonders teuer. Wie überhaupt die Preise des neuen Lokals in der alten Mühle dem Wohlgefühl keinen Abbruch tun. Für 18,50 Euro wird unter der Bezeichnung „Mühlstein-Menü“ eine ganze Litanei an Speisen verheißen. Wie die Mahlzeit selbst ist schon der Text ein Gedicht. Und das geht so: Tranche vom „Andenlachs“ (wirklich der einzige Einwand: ein klein wenig trocken schmeckend) umlegt mit Waldpfifferlingen, Würfeln von Strauchtomaten und Johannislauchringen in Chardonnay-Sud. Alsdann: Filet vom Landschwein gefüllt mit gezimteten Apfelwürfelchen und Mandelstiften auf Calvadosrahm mit grünem Madagaskar-Pfeffer, dazu Gemüsekartoffeln Mousseline – köstlich und pikant. Dritte Strophe: geeistes Süppchen von Mango parfümiert mit Cointreau und aufgegossen mit Cremant – groß und gut. Zum seligen Sattwerden führt auch

die zarte wie stattliche Dorade Royal auf Savarin-Sahne mit fein gewürztem (das ist eher noch untertrieben) Blattspinat und weiß-braunem Butterreis für 17,90 Euro. Wer es etwas deftiger mag, kann die „ausgewählten“, in Rahm gerösteten Waldpfifferlinge bestellen und dafür 12,80 Euro bezahlen. Dass auch diese Portion reichlich bemessen ist, darüber muss gar nicht geredet werden. Lieber lauscht man dem für 17,50 Euro abzurufenden „Dialog von Fisch und Fleisch“. Gesprächspartner sind Medaillons vom Rinderrücken und – noch um einiges eloquenter und ansprechender – eine Tranche vom Stör auf (wunderbarer) Sauce Chorou. Besonders zu loben ist das als eine Art Moderator dienende bissfest gegarte Gemüse, darunter Karotten, Kohlrabi und Bohnen. Bei so viel so Gelungenem ist das Zitronengrassüppchen (6,50 Euro), dem Ingwer angenehme Schärfe verleiht, gar nicht nötig. Und dass eine große Flasche

Mineralwasser (San Pellegrino, na und?) nur 70 Cent weniger kostet als diese Köstlichkeit, wäre auch nicht nötig gewesen. Satt werden ist das eine, schlemmen das andere. Also noch ein Salat von süßen Früchten mit Rahmeis zum Preis von 6,50 Euro hinterher, den zweierlei vom Durchschnitt abhebt: seine Vielfalt und das sehr feine Aroma des beigegebenen Jamaika-Rums. Groß und zum Genießen kommt der „Klassische Pfirsich Melba“ (4,50 Euro) daher, eingebettet in Bourbon-Vanilleeis, pürierten Himbeeren und Schlagrahm. Klein, aber kein bisschen schlechter ist die mit saisonalen Früchten gereichte geminzte Joghurtcreme ausgefallen (3,90 Euro). Wenn der „Mühlstein“ dieses Niveau hält, hat die etwas verwöhnte Bensheimer Gastro-Szene fürs Erste einen Leitstern.